Wenn Neuigkeiten keine Überraschung mehr sind

Eine vom Aussterben bedrohte Spezies in der Medienwelt: die Seite „Aktuelles“ in Tageszeitungen – Fotokonstruktion: Namira McLeod

Meinte man früher mit „Neuigkeiten“ Klatsch und Tratsch aus der Nachbarschaft („Hast du schon gehört, dass …?“), findet man sie im heutigen Internetzeitalter eher im Journalismus. Verenglischt in „Infotainment News“ sollen aktuelle Nachrichten, die für Unterhaltung sorgen, unter der Leserschaft verbreitet werden. Dass Neuigkeiten aber längst keine Überraschung mehr sind, zeigt sich am Beispiel der 1685. Folge der TV-Serie „Lindenstraße“.

Schon Monate, bevor der Westdeutsche Rundfunk im Fernsehen und Internet die „Neuigkeit“ verbreitete, „Joachim H. Luger verlässt die ‚Lindenstraße'“ und stirbt in seiner langjährigen Rolle als Hans Beimer, kündigten zahlreiche Medien bereits den Serientod an. Mit Betitelungen wie „Der WDR lässt ‚Vater Beimer‘ in der ‚Lindenstraße‘ sterben“ (Berliner Morgenpost) oder „Der Tag, als Vater Beimer starb“ (Der Tagesspiegel) war bereits im Mai dieses Jahres bekannt geworden, dass der „Tod“ des Serienschauspielers in der Folge „Die Ruhe nach dem Sturm“ am 2. September 2018 eintreten wird.

So war es nicht verwunderlich, wenn für viele Zuschauer – mit Ausnahme der meisten „Lindenstraße“-Fans – am Tag des Geschehens der Reiz verloren ging. Jeder wusste, dass Hans Beimer sterben würde. Nur das „wie“ wurde vom Sender bis zur Ausstrahlung verschlossen gehalten. Mit dem Satz „Das ist kein Ende. Das ist erst der Anfang!“ und einem Kopfneigen schlief er schließlich unspektakulär ein.

Hier muss man unweigerlich an Weihnachten denken. Wer schon im August in Supermärkten von Lebkuchen-Angeboten überflutet wird, hat zum eigentlichen „Fest der Liebe“ keinen Appetit mehr drauf. Das gleiche Spiel zu Ostern. Auch Silvester ist nicht mehr das, was es mal war: Feuerwerk, das ursprünglich das Neue Jahr begrüßen sollte, gehört mittlerweile zum Standardwerk vieler Veranstaltungen. Und Oktoberfeste halten nicht mehr im Oktober in München, sondern das ganze Jahr hindurch in zahlreichen Städten Deutschlands Einzug. Dann gibt es noch die Geburtstagswünsche, die offen von Kindern und Erwachsenen erfragt und ausgesprochen werden, damit ja nichts Falsches gekauft wird.

Da kommt doch keine Vorfreude mehr auf. Die Überraschung ist dahin.

Im Journalismus findet sich das gleiche Phänomen. Vermeintliche Neuigkeiten entpuppen sich oft als Wiederholungsschleife. Anstatt auf eigene oder fremde Archivberichte oder -nachrichten per Link zu verweisen, werden diese aufgegriffen, umformuliert, ein neues Foto eingefügt – fertig sind die „News“. Davon abgesehen, dass die Namen der Journalisten, Redaktionen oder Verlage, die die Arbeit am Ursprungsartikel hatten, teils noch nicht einmal als Quelle zur Sprache kommen, werden die Leserinnen und Leser mit Meldungen überschwemmt, die weder Mehrwert noch Aktualität besitzen. Mit überzogenen Titeln (sog. „Aufmachern“) in sozialen Medien verlinkt und geteilt unter Usern entsteht so oft der Eindruck, das Medium würde einen „auf dem Laufenden“ halten.

Spätestens bei der Recherche stellt sich heraus, was wirklich eine „Neuigkeit“ ist oder nicht.

Hinzu kommen Nachrichten, die von der dpa (Deutschen Presse-Agentur GmbH), dem epd (Evangelischen Pressedienst) – gekennzeichnet wie im Titelbild – und anderen (Presse-) Agenturen massenhaft gekauft werden, um die zahlreichen Print- und Onlinemedien überhaupt mit Inhalten füllen zu können.

Vermutlich alles Gründe, warum die Seite „Aktuelles“ aus vielen Tageszeitungen verschwand.

Ich finde, das sollte auch einmal thematisiert werden in der Medienwelt.